Wachsendes Bandenphänomen in der Schweiz

Wachsendes Bandenphänomen in der Schweiz

Wachsendes Bandenphänomen in der Schweiz.

„Die Kultur der Gewalt aus den französischen Vorstädten, den deutschen und amerikanischen Großstadtghettos bahnt sich ihren Weg hierher“

Für diese jungen Leute war der Karfreitagstrubel ein Motivationsschub. Für den Rest der Schweiz fühlt es sich eher wie ein schlechter Traum an. Man reibt sich die Augen und fragt sich: Was ist nur los mit diesen jungen Leuten?

Wir suchten nach Antworten, sprachen mit Kriminalexperten, Anwälten, Kinderpsychiatern und Polizeisprechern. Und wir haben herausgefunden: St. Gallen ist keine Ausnahme. St. Gallen ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die sich seit einiger Zeit zusammenbraut. Eine Entwicklung hin zu einer Kultur der Jugendgewalt. Und Covid ist der Brandbeschleuniger für dieses Feuer.

Gewalt auf dem Vormarsch

Dirk Baier ist Kriminologe an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Sein Bericht mit einer Auswertung der aktuellen polizeilichen Kriminalitätsstatistik liegt vor: Seit 2015 ist die Jugendkriminalität um ein Drittel gestiegen. In der gesamten Schweiz. Bei fast allen Verbrechen. Besonders bei Diebstahl – um 146%, mit 497 Angeklagten im Jahr 2020. Und bei den körperlichen Angriffen – um 122 %, mit 353 Angeklagten im Jahr 2020. Wie bei einfachen Körperverletzungen (mit 599 Angeklagten im Jahr 2020), Drohungen und Gewalt gegen Amtsträger um mindestens die Hälfte (mit 210 Angeklagten im Jahr 2020).

Auch Gebiete fernab der großen Zentren sind betroffen. Der Jugenddienst Solothurn etwa warnt in seinem jüngsten Jahresbericht vor einem „zunehmenden Trend“ zu „Drohungen, Nötigungen und dem Tragen von Waffen wie Schlagringen, gefederten Klappmessern oder Waffenattrappen“.

Allein im Jahr der Pandemie zeigen sich die Zahlen von brutalen Vorfällen. Hier sind einige Beispiele:

Im Juli stachen zwei 15-Jährige und ein 19-Jähriger bei einem Streit im Zürcher Seebecken auf einen 19-Jährigen ein.

Im August prügelten sich zehn junge Männer in der Basler Vorstadt so heftig, dass einer von ihnen mit schweren Verletzungen ins Spital eingeliefert werden musste.

Im September und Oktober beging eine Bande von 14 Jugendlichen neun bewaffnete Raubüberfälle in der Stadt Bern. Darunter waren sogar 14-Jährige.

Vor zwei Monaten verprügelte eine Gruppe Jugendlicher im Zürcher Opernhaus zwei andere Menschen, weil sie schwul und transpersonal waren.

Und jetzt die Krawalle in St. Gallen. Die Polizei nahm 21 Jugendliche fest. Der Sachschaden beläuft sich auf 50.000 Franken.

Einen Tag nach den St. Galler Krawallen, am Ostersamstagabend, tauchte ein Reporter am Zürcher Bahnhof Stadelhofen und am Seeufer in die Menge ein. „Ich gange Stadi“, ist in der Covid-Ära zu einem Codewort geworden. „Stadi“ ist eine Bühne. „Stadi“ ist die Welt der „Bros“ in Sporthosen mit perfekt rasierten Haarschnitten, die jedem zweiten Satz ein „wallah“ hinzufügen – „Ich schwöre zu Gott“ auf Arabisch. „Stadi“ ist die Welt der „Kids“ von Zürich und dem Rostgürtel: Schwamendingen, Altstetten, Dietikon, Schlieren – sie sind stolz auf ihre Vorstadt-Herkunft.

Bisher waren Bandenkonflikte in der Schweiz eine Randerscheinung.

Neu ist nun, dass die jungen Männer „oft in Gruppen agieren“ und sich mit anderen Jugendlichen prügeln, wie Christiane Lentjes Meili, Leiterin der Zürcher Kriminalpolizei, kürzlich auf einer Pressekonferenz sagte.

Neu ist auch, dass die Konflikte „härter geworden“ sind. Oft handelt es sich nicht mehr um eine einfache Bedrohung. Sie tragen oft Waffen, die sie dann auch einsetzen.

Die Gewaltkultur der französischen Vorstädte und der Ghettos deutscher und amerikanischer Städte bahnt sich auch hier in der Schweiz ihren Weg. Und sie wird zu einer Art „Volkskultur“. Das hängt mit den „Modellen der Hip-Hop-Szene“ zusammen, so der Kriminologe Dirk Baier.

Mit den Unterdogs, die durch die Ränge aufgestiegen sind, um Gangster-Rapper mit Luxusautos und Pistolen in den Taschen zu werden. Sie verkaufen sich über Youtube, Tiktok, Snapchat und Instagram – die „Lebensadern“ der jungen Leute.

 

Auch Schweizer Rapper stellen sich gerne als Gangster zur Schau. Dukat, ein 20-jähriger Albaner aus Adliswil im Kanton Zürich, ruft aus einer Jukebox im „Stadi“: „Lauft schneller, sonst bekommt ihr Schusswunden. Wir haben Ausrüstung und Haare auf den Zähnen. (…) Das Letzte, was du sehen wirst, ist mein spöttisches Lächeln und wallah, ich werde dein Haus mit Löchern durchsieben.“

Die Jungs imitieren ihn, sie feilen über soziale Medien an ihrem Gangster-Image. Wie die Bande von Schlieren. Auf ihrem Instagram-Account HNCD – dem französischen Akronym für ihre Postleitzahl – posten sie Fotos und Videos von vorgefertigten Räumlichkeiten, Messern, die sie öffnen, Handfeuerwaffen, die sie laden, 1000-Franken-Scheinen.

St. Gallen war wohl erst der Anfang

Nach der Nacht der Krawalle ging ein Tiktok-Video viral, das eine Szene zeigt: Polizisten blockieren die Straße vor ihnen, ein Dutzend Jungs machen kollektiv Liegestütze – eine machohafte Machtdemonstration. Das Video spielt den Song des deutschen Rap-Stars Haftbefehl: „Ich bahne mir meinen Weg mit einer Machete. Unterwegs mit einer 9 Millimeter.“

Die vorhergesagten Unruhen blieben aus. Das Problem verschwindet jedoch nicht. Die Covid-Maßnahmen bleiben starr, Langeweile und Frustration nehmen zu, und jetzt werden die Abende auch noch heißer. Junge Menschen wollen ihren Platz in der Gesellschaft finden. Wenn nötig, auch mit Gewalt.


Werwolf1488

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